Ist ORC überhaupt noch zu retten?

Von Karsten C. Witt.

„Hast du unseren Rennwert schon gesehen für 2008? Der ORC hat uns 8 Sekunden pro Meile aufgebrummt!“ So fing es an. Mein Freund Sven von der "Bajazzo", eine X-46 so wie meine Gunvør XL, rief mich im Frühjahr aufgeregt an. Dass man ihm eine höheres Handikap aufbrummen würde fand ich eigentlich ok., er ist der deutlich bessere Segler und hat eigentlich permanent ein Sonderhandikap verdient, aber ich? Nein, dass war unglaublich. Ein Skandal!

 

Ich fing an, ein bisschen zu forschen, auch inspiriert von der Diskussion zwischen Dr. Schäfer vom DSV und Volker Andreae von der German Offshore Owners Association. Anhand der Daten vom DSV für ORC, dem RORC für IRC und diversen Regattalisten habe ich versucht mir ein Bild zu schaffen, was und wo die Probleme von ORC im Vergleich zu IRC sind. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich sowohl vom DSV, als auch vom RORC sehr hilfreich unterstützt worden bin. Die Probleme sind bestimmt nicht in den Personen dort zu suchen, sondern wie ich im Folgenden - meine ich - zeigen werde, in den unterschiedlichen Philosophien begründet.

 

Ich habe 22 Schiffstypen gefunden, die sowohl in 2007 als auch in 2008 eine ORC Vermessung hatten und gleichzeitig eine IRC Vermessung haben. (Pro Schiffstyp habe ich jeweils 1 – 6 einzelne Messwerte gefunden. Es liegt in der Natur der Sache, dass zum Teil verschiedene Schiffe und zum Teil verschiedene Ausstattungen/Segelkonfigurationen, sogar bei gleichen Schiffen dabei verglichen werden, aber ich meine, die Varianz ist relativ klein im Vergleich zu den zu treffenden Aussagen.)

Tabelle 1 zeigt warum Sven sich so empört hat:

 

1

 

 

Bei vielen Schiffen ist der Wert schlechter geworden. Aber die X-46 ist besonders stark benachteiligt worden. Fast 8 Sekunden mehr pro Meile ist wirklich sehr viel.

Interessant ist besonders, wie sich die Rennwerte gemäß ORC bei Yachten verhält, die im Prinzip nach der gleichen Last konstruiert sind. Die Tabelle 2 zeigt, wie sich der Rennwert bei der neuen Serie von X-Yacht von X-37 bis X-50 verhält.

 

 

Da die Werft versucht hat, der ganzen Serie eine ähnliche Performance zu geben, hätte man beim Rennwert ca. ein Unterschied von um die 6 Sekunden pro Fuß Wasserlänge erwartet, natürlich mit einiger Bandbreite. Das Ergebnis ist ganz anders:

- Bereits in 2007 gab es einen deutlichen Sprung zwischen der X-43 und ihrem Schwesterschiff der X- 46 von 31 Sekunden!!

- In 2008 wurde dieser Unterschied noch wesentlich verschlimmert auf sage und schreibe 36 Sekunden.

- In der Tat scheint es zwei Fehler zu geben. Da die X-37, X-40 und X-50 Rennwerte haben, die recht nahe an den Erwartungen liegen, scheint die X-43 immer noch in 2008 übervorteilt zu sein und die X-46 besonders bestraft zu werden.

Eine Chance hat die X-46 gegenüber diesen Schiffen bestimmt nicht.

 

 
Gunvør XL

 

In der Diskussion mit dem DSV stellte sich heraus, dass man dieses Problem der X-46 sehr wohl erkannt hatte und im Januar angeblich dem ORC gemeldet hätte. Nur für die Saison 2008 ist schon alles gelaufen. Man kann zwar seinen Rennwert etwas optimieren, eine Krängungsmessung könnte evt. sogar etwas zusätzliche Verbesserung bringen, aber der grundlegende Fehler kann vorläufig nicht abgestellt werden. Das bedeutet, dass man als Eigner einer Regattayacht seiner Crew und dem Sponsor sagen muss, dass man die nächsten 12 Monate überhaupt kann Chance hat und nur zum Training antreten darf. Man stelle sich vor, ein Golfspieler, ein Rennwagenfahrer oder ein Rennpferd soll ein ganzes Jahr Rennen bestreiten und anerkanntermaßen mit einem unfairen Handikap. Mit professionellem Management hat das nichts zu tun.

 

Lasst uns nun die IRC betrachten, siehe Tabelle 3. In der Tabelle sind die gleichen 22 Schiffstypen, insgesamt ca. 60 individuelle Schiffe, mit unseren X-46 verglichen worden. Folgende Unterschiede kann man sehen:

- Auf den ersten Blick sind die Unterschiede recht klein. Dies ist ja auch gut so, denn in beiden Systemen wird versucht, eine Vorhersage des Geschwindigkeitspotentials zu machen.

- Beim zweiten Blick erkennt man, dass systematisch kleinere Schiffe in ORC einen Vorteil haben. (Eine alte Kritik)

- Auch sieht man, dass in ORC einige Schiffe, so auch die X-46, benachteiligt werden (und die X-43 übervorteilt werden). Somit scheint die IRC im Detail genauer zu sein.

 

 

 

Da weltweit IRC von den Seglern selber als gerechter angesehen wird, heißt dies, dass ORC einen systematischen Fehler haben muss.

 

Konklusion: Die oben angeführte Datenbasis ist natürlich sehr unvollständig und kann sicher in mancherlei Hinsicht verfeinert werden. Aber klar ist trotzdem:

- Wie die Tabelle 2 deutlich zeigt, ist man beim ORC noch sehr, sehr weit davon entfernt, eine einigermaßen genaue Vorhersage machen zu können.

- Es ist deutlich immer noch eine „Garbage in, Garbage out“-Formel, wo versteckte Annahmen dazu führen, dass völlig verrückte Ergebnisse herauskommen.

- IRC scheint besser den Spagat zwischen wissenschaftlicher Vorhersage und „gefühlter“ Gerechtigkeit zu erreichen.

Seit 1976, nun mehr nach mehr als 30 Jahren hat man bei IMS / ORC versucht, eine wissenschaftliche Formel zu finden, die eine relative Geschwindigkeit von verschiedenen Schiffen vorhersagt. Bis heute ist dies unerreicht.

 

Nein, ORC ist nicht mehr zu retten. Nach einer ganzen Generation sollte man einen kompletten Neuanfang machen oder auf IRC wechseln. Ich segle kein ORC mehr in diesem Jahr.

Karsten C. Witt GUNVØR XL

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