Rund Fyn: 150 Meilen Hochspannung

shaktiHans Genthe war Rund Fyn der Skipper der Rogers 46 "Gut's n Glory" von Christopher Wuttke, die sich ein spannendes Match mit den beiden anderen Rogers 46 Yachten "Shakti"/ Christoph Avenarius und "Varuna"/ Jens Kellinghusen geliefert hatte. Am Ende lag die Varuna vorne und übernahm die Gesamtführung der hanseboot Baltic-IRC Serie, doch das war lange nicht so sicher. Hier sein Bericht:

 

Wie von einem Geisterschiff taucht ein graues Segel aus dem grauen Nebel im grauen Morgengrauen auf. Das quadratische Topp haben wir vor uns vermutet und hinter uns gehofft. Ich reibe meine verquollenen Augen, hatte gerade kurz geschlafen. Ist dort hinten die Varuna, unser hartnäckigster Gegner? Wir segeln mit einer Rogers 46 die Regatta Classic Rund Fyn. 16 Stunden versuchen wir nun schon, unser modifiziertes Schwesterschiff hinter uns zu lassen. Ist es nun gelungen? Doch die graue Silhouette hinter uns wird vom Nebel verschluckt, bevor wir das Schiff identifizieren können.


Der Morgen vor dem Start.
Ich habe über die Jahremeinen Biorhythmus intensiv studiert. Ich brauche vor einer Langstreckenregatta mind. 8 Stunden Schlaf, um fit zu sein. Das ist vor allem bei Rund Fyn Regatten entscheidend: Hier kann ich als Taktiker kaum schlafen, weil sich zu viel stündlich verändert oder verändern kann. Zu wenig Schlaf führt zu mangelnder Konzentration, vor allem in den Morgenstunden. Dies ist meine 8. Regatta rund Fünen, und diesmal haben wir das erste Mal fast identische Gegner: Shakti und Varuna. Allerdings hat die Varuna ein größeres Großsegel und angeblich einen schwereren Kiel.

Zurück zum Schlafen: Ich bin der Überzeugung, das auch der Rest der Crew ausgeruht sein sollte, darum dränge ich immer auf ausreichend Zeit zum Schlafen vor der Regatta. So übernachtet diesmal ein Großteil der Crew in einem idyllischen, umgebauten Bauernhof kurz vor Kerteminde.

7:00 Uhr. Wir frühstücken mit traumhaften Blick auf den Kerteminde-Fjord. Am Boot angekommen muss alles schnell gehen. Da Achim den Trailerschlüssel hat, und erst nach Mitternacht eintrifft, konnten wir am Abend das Boot nur teilweise klar machen. Zum Glück hatten wir das meiste schon zur Überführung vorbereitet. Daggi und ich drucken die aktuellen Strömungskarten das DMI aus, laden aktuelle Windvorhersagen und GRIP-Files herunter, und klären fehlende Infos mit der Wettfahrtleitung.
Der Rest der Crew macht das Boot klar. Hannes kommt direkt von einem Geschäftstermin im Ausland an Bord - zum Glück hat er es rechtzeitig geschafft - denn er löst in Sekunden unser Aussen-Display-Problem für die Navigations-Software. Das eigentliche Problem ist mal wieder unglaublich simpel: Es gibt seitlich rechts am Laptop einen Schalter, um den WLAN-Sender manuell einzuschalten.
Wir besprechen kurz den Regattaablauf, Henri macht die Einteilung der Crew, und laufen kurz nach 10 Uhr aus, um noch ein paar Manöver zu üben und sich an Bord einzufinden, denn wieder ist ein Teil der Crew - Daggi, Markus, Marcus, Bastian - das erste Mal an Bord.

Ein guter Anfang
Fast Nullstart auf der richtigen Seite (links) der Linie als äußerstes Boot. Dann richtige Seite und 2 Dreher genau mitgenommen. Mit fast 100m Vorsprung an der ersten Tonne. Danach A1 gesetzt, gehalst und Richtung Land gefahren. Der Rest hat sich Richtung See hochgeluvt.
Das fängt gut an. Nach einer Stunde haben wir gut eine Seemeile Vorsprung vor Shakti und Varuna. Von See setzt dann frischer Wind ein. Wir luven hoch und setzen uns unter Genua vor das Feld, Abstand zu Shakti/Varuna trotz Umweg noch gut 1/2 Seemeile. Und doch der erste Fehler: Wir hätten statt Genua den Code 0 nehmen müssen, damit hätten wir mehr Vorsprung gehalten.

Der Wind raumt. Wir setzen den leichten A1. Varuna überholt Shakti und kommt schnell auf. Wir wechseln auf A2. Leider zu spät, dazu hat das Manöver ewig gedauert. Da rächst sich einfach das fehlende Training. Varuna überholt trotz unseres A2, hat das Spinnaker-Stagsegel gesetzt. Wind 4-8 Knoten. Wir sind uns unklar, ob das Spistagsegel nach IRC-Vermessung gesegelt werden darf oder nicht. Unser IRC-Messbrief ist noch nicht angekommen.

Die Vorentscheidung
In den Halsen vor der Brücke und dank Stromtaktik holen wir wieder etwas auf. Nach der Brücke segeln wir möglichst tief mit den Windstrichen. Es kommt eine schwere Entscheidung:
a) Entweder über das Flach bei möglichst wenig Tiefe den direkten Weg nach Svenborg segeln, oder
b) hochluven und möglichst schnell Richtung Langeland, und dabei hoffen das der Bogen durch weniger Strom und mehr Thermik unter Land ausgeglichen wird.
Da die Varuna vor, und Shakti unter uns ist, entschließe ich mich für den direkten Weg, um eine Chance zu haben, die bei leichten Wind deutlich schnellere Varuna zu anzugreifen. Die Shakti folgt erst uns, und ist holt ein wenig auf. Trotzdem fährt die Shakti nach ca, 1/2 Stunde doch Richtung Langeland. Als durch die Peilung auf die grüne Schwester klar wird, dass das Boot im Verhältnis zu uns schneller wird, verlassen wir das Flach und wechseln ebenfalls Richtung Langeland. Shakti ist jetzt knapp vor uns in Lee. Ich ärgere mich über mich selbst, Variante b) wäre besser gewesen.

Höhe Lundeborg wird vor uns ein 180 Grad Winddreher sichtbar, wir luven Richtung Langeland, um möglichst lange im alten Wind zu fahren, Shakti luvt mit. Im Laufe der nächsten Zeit holen wir stark auf die Varuna auf, die direkt an der Fyn-Küste schon lange kreuzen muss. In der folgenden Kreuz setzt sich Shakti erst etwas ab, später holen wir wieder auf. Unsere Speed ist identisch, nur Winddreher und Windstriche verursachen die Unterschiede. An der Tonne Thurö Reef/Eingang Svendborg-Sund ist Shakti ca. 1 Minute vor uns, Varuna ca. 6 Minuten. In den Segelwechsel-Manövern im Svendbordsund (A1 -> Code 0 -> Genua -> A2 -> A1 -> Genua) verlieren wir ca. 4 Minuten. Höhe Svenborg läuft die Shakti auf und verliert über 20 Minuten. Von den 163 Teilnehmern der Regatta sind nun nur noch 3 Boote vor uns.

Pause im Öl
Im Ausgang Svenbordsund bekommt die Varuna früher Wind und setzt sich schnell ab. Hinter Skarø setzen wir den Code 0, und holen auf die Varuna auf. Unsre Logge fällt aus, Boatspeed und der wahre Windeinfallswinkel kann nur noch über GPS gemessen werden. Vor Avernakø fängt vor uns die Ostsee windlos zu glänzen. Varuna fährt voll in die Flaute und bleibt stehen. Wir nutzen die Chance und luven unter Land, um den Wind länger zu nutzen. Varuna luvt auch – zu spät und mangels Wind zu langsam. Wir bleiben dann allerdings auch – direkt neben der Varuna – im Öl liegen. Wir witzeln: ”Mann sind die Arrogant. Warten auf uns für einen Fototermin”. Sehr chic sieht die Rogers im Sonnenuntergang aus.

Varuna setzt den Gennaker, wir halsen unter Code 0 um schneller zu dem frischen Wind, der vor uns mit einem 180 Grad-Dreher neu einsetzt, zu kommen. Doch der Wind raumt erst noch einmal, wir setzten auch den A2. Das dauert sehr lange, die Fallen sind verstrickt. Varuna erreicht schneller den neuen Wind, und setzt sich unter Genua wieder ab. Es wird dunkel. Wir kreuzen mit den Winddrehern durch die Flachstellen, und halten den Abstand zur Varuna. Zwischendurch passieren wir die Skokakola, die anscheinend eine Tonne falsch genommen und aufgelaufen ist. An Kap Sønderhjørne können wir 10 Grad abfallen, und rauschen durch die Nacht. Die größere und schnellere Skokakola überholt uns wieder.

Vor Bagö treffe ich die Entscheidung, das navigatorisch anspruchsvolle, enge westliche Fahrwasser zu nehmen, um den mitlaufenden Strom und kürzeren Weg zu nutzen. Das Licht der Varuna verschwindet in Lee. Dank Navigatorin Daggi und Aussendisplay kreuzen wir sauber durch das Fahrwasser, und nehmen sogar 2 Winddreher mit, so dass wir wieder direkt hinter Shokakola liegen.

Das Geisterschiff
Auf dem Anlieger von Bagö zum engeren Fahrwasser Höhe Stenderup Hage kann ich endlich schlafen. Leider nur eine halbe Stunde: In der Dämmerung setzt Nebel ein, im Nebel HINTER uns wird verschwommen die Varuna sichtbar. In der Kreuz bis zur kurz vor Middellfahrt decken wir die Verfolger. Doch wieder holt die Varuna nach dem Abfallen und Wechsel auf den Downwind-Gennaker im leichten Wind wieder auf. Vor der Autobahnbrücke Middelfart wechseln wir auf Genua 1, und decken die Varuna weiter.
Hinter Strip setzen wir den A2, Varuna luvt – ohne uns. Ich entscheide, mit den Windstrichen Tiefe zu fahren, da die Varuna unter Gennaker sowieso schneller ist und deren Manöver besser sitzen. In Luv ist die modifizierte Rogers tatsächlich etwas schneller. Doch kurze Zeit später holen wir mit frischem Wind auf, und halten bei ca. 10 Knoten Wind einen Rufweiteabstand bis hinter Aebelø, bis es wieder abflaut. Sofort setzt sich die Varuna wieder ab. Im wieder zunehmenden Nebel halsen wir einige Meilen später Richtung Samsø, um später den quer setzenden Strom besser nutzen zu können. Wir sind ca. 1 Minute hinter Varuna.

Endspurt.
Bis zur der Backbord-Tonne Lillegrund vor Fyns-Hoved vergrößert die Varuna den Abstand auf 7 Minuten. Wir wollen hinter der Tonne wegen des stärkeren Windes auf den A3 wechseln, doch durch einen Dreher wird der Kurs zu spitz, und wir bringen den A4 auf Deck. Beim Wechseln fällt der Gennaker-Hals über Bord, weil die Tackline zu schnell lose kommt. Der Gennaker wird durch den Wasserwiderstand bei 11 Knoten blitzschnell ins Wasser gezogen, bis Henri Ihn zu fassen bekommt. Dabei bekommt der Gennaker leider im Fuss einen Riss durch die Rehlingstütze. Wir wechseln den Gennaker. Der Abstand zur Varuna hat zugenommen. In Landabdeckung wird der Wind raumer und weniger, wir wechseln wieder auf A1. Querab Romsø müssen wir anluven, und nutzen den Code 0 bis zur Ecke Stavreshoved vor Kerteminde. Hier flaut der Wind ab, und wird unstetig. Die Varuna geht mit dem Rest Wind ins Ziel, wir quälen uns durch Flaute und Dreher langsam Richtung Kerteminde, um ca. 30 Minuten nach der Varuna die Linie zu queren.

Fazit:
Wieder einmal ein super Rennen rund Fyn, spannend bis zur letzten Minute. Varuna hat die besseren Manöver und mehr Bootsspeed (bei leichtem Wind und tiefen Windeinfallswinkeln unter Gennaker) gemacht. Da deren A2 207.27 qm laut Messbrief hat, und unser mit 205,23 qm nur 2 qm weniger hat, liegt das wohl eher am Großsegel. Oder am Trimm? Ich konnte da aber keinen Unterschied sehen, vielleicht war deren Großsegel meist etwas offener. Shakti ist leider aufgelaufen, hatte aber vorher meistens bessere Manöver gemacht. Das wäre sicher knapp geworden.

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