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So hätte die DSV Februar Veranstaltung in Kiel besser klingen können. Der Verband „schafft Klarheit, denn die Gerüchteküche halte die Segler in Atem“: Werfen neue ORC Werte die alten über den Haufen?

Ja, in der Tat gibt es wieder für alle ORC-Yachten neue Werte und das ist diesmal auch sinnvoll. Die technische Entwicklung geht weiter, die Berechnungen der theoretischen Geschwindigkeiten einer Yacht unter verschiedenen Bedingungen werden genauer.

Ein zentraler Punkt der Änderungen 2013 ist die Ablösung des bisherigen Rumpf-Widerstand-Modells, welches auf Schlepptank-Versuchen aus älterer Zeit basierte. An die Stelle der Daten aus dem Tank tritt jetzt eine Software Simulation (residuary resistance formulation), die aber auch ihre Tücken hat. Warum sonst hätte der ORC (Offshore Racing Congress) die ersten Testrechnungen für die Flotte nach 2 Tagen schleunigst wieder aus dem Netz genommen?

Das Ziel dieser Änderungen der „Formel“ ist, mehr Gerechtigkeit zu erreichen, faires Regatta-Segeln verschiedener Schiffe gegeneinander möglich zu machen. Doch was ist gerecht, was ist fair? In früheren Zeiten hat der Ausschuss Seesegeln im Vorwort des Regatta Kalenders formuliert, die IMS Kalkulation sei wissenschaftlich fundiert auf 1/100 Knoten genau. Und nun, nach der Wandlung zu ORC und verschiedenen Revisionen ist alles noch gerechter? 1/1000 Knoten vielleicht?

In der aktuellen ORC Berechnung der deutschen Flotte
www.ger-oo.org/download/ORCi_TESTRUN_Februar13.pdf
gibt es z.B. eine Asso99, die muss jetzt nach GPH 22,3 Sekunden/ Seemeile schneller segeln als im vergangenen Jahr. Das sind über 4%. Eine 41ft Nautilus hingegen kann sich 1,5% mehr Zeit lassen oder 9,3 sec/sm. Verschiebung zwischen beiden: Rund 5,5% . Zum Vergleich: Bei den 72ft Maxis im Mittelmeer geben die Eigner mehrere € 100.000 pro Jahr aus, um die Schiffe 2 Sekunden/ Seemeile schneller zu machen. Die neue Rechnung mag jetzt vielleicht gerechter sein, stellt aber den gedanklichen Ansatz völlig in Frage. Denn den IMS Alleinanspruch auf Gerechtigkeit gibt es schon seit 20 Jahren. Er wird jedes Jahr erneuert und dabei durch die Vergangenheit genauso widerlegt .

Wer sich mit der ORC Vergütung beschäftigt, versteht, dass es um Gerechtigkeit überhaupt nicht gehen kann. Denn selbst wenn die Simulation der Bootsgeschwindigkeiten so genau wäre wie behauptet, so wird sie doch nicht angewendet. Konsequent – und das wurde zu IMS Zeiten immer wieder versucht – müsste man auf See nicht nach dem heute üblichen Single Number Faktor segeln, sondern nach Performance Curve oder ähnlichen Gaben aus dem ORC Messbrief. Daran ist aber IMS kläglich gescheitert, weil a) die Wettfahrtleitungen das nicht hinbekommen und b) die Segler die Ergebnisse nicht verstanden haben. In der IMS Blütephase hat sich manch Wettfahrtleiter vielmehr Wetter-Gott ähnlich dazu aufgeschwungen, die Gerechtigkeit und anzuwendende Faktoren ex post über den vermeintlich erlebten Wind festzulegen.

Diese Probleme haben über einige Eigner per IRC Invasion vorübergehend zu einer Ablösung der Gerechtigkeit geführt, zur Forderung nach kalkulierbarer Verlässlichkeit. Zur Forderung der Sicherung von Investitionen in ein Regattaschiff.

Also Single Number, der GPH für Offshore Kurse? Bis 2011 ja, alles klar, erfolgreich nach dem IRC Vorbild aus England. Ab 2012 leider nein. Seit dem letzten Jahr ist der GPH für die vom DSV angewendete Ermittlung des Zeit-Faktors völlig ohne Bedeutung. Der GPH ist als relativ gleich gewichteter Mix der vorausgesagten Geschwindigkeiten bei gängigen Windwinkeln- und Stärken zu einer optischen Beruhigungspille degradiert worden, die Pille für die Eigner zur Orientierung. Der Offshore Faktor (z.B. ToT) hingegen wird nun hinter dem GPH Vorhang aus einem neuen OSN zusammengerührt. Die Zusammensetzung aus Windwinkeln und Stärke ist hier eine gänzlich andere und so kann man (der ORC) manche Schiffstypen fast unbemerkt schnell und andere wieder langsam rechnen, ohne dass GPH und Wissenschaft sich ändern müssen. Und das problemlos jedes Jahr aufs Neue. Die relative Veränderungen in % der unterschiedlichen Yachttypen sind teils deutlich höher als die aktuellen Änderung im Widerstand-Modell.

Das Problem liegt somit nicht in der Wissenschaft, deren Schwierigkeiten auf dem Weg zu besseren Geschwindigkeitssimulationen verständlich und akzeptabel sind. Das Problem liegt vielmehr in den neuen, rein politischen Zusatzfaktoren des ORC, in dem der Kreuzanteil einer Offshore Regatta bei 8 kts True Wind heuer auf 40% festgesetzt wurde, bei 16 Kts jedoch nur auf 10%. Warum ein Schiff in der gleichen Regatta bei weniger Wind mehr kreuzt als bei viel Wind? Das könnte man sich fragen.

Für die Eigner kann die Sache aber unangenehm werden, denn ORC Ergebnisse sind für eine normale Offshore Regatta aus dem bekannten GPH nicht mehr so leicht nachvollziehbar. Die Investitionen in das Regatta-Schiff ein Lottospiel? Ich fürchte schon, denn er weiß, zu welcher politischen Einsicht der ORC in der nächsten Saison kommt? Doch mehr Kreuz bei viel Wind? Bin ich Gewinner oder Verlierer? Wo bleibt die versprochene Gerechtigkeit des 1/100 Knoten?

Die IRC Macher weiter im Süden und im Westen haben mit den TP52 ebenfalls Probleme, bleiben aber ihren Prinzipien treu: Das Rating einer Yacht ändert sich über viele Jahre nicht, wenn das Schiff nicht verändert wird. Eine Antwort wahrscheinlich auf die Frage, warum es unter IRC regelmäßig zahlreiche Neubauten gibt und für ORC seit Jahren keine (1 Ausnahme ..) Und: Die Eigner werden auf dem jährlichen IRC Owners-Congress zumindest etwas, etwas einbezogen :-)

Im ORC hingegen und im DSV hält man offenbar von der Eigner-Meinung so wenig, dass diese vorsorglich nicht gefragt wird. Aber etwas mehr Demokratie im DSV, vielleicht auch ein jährlicher Eigner-Kongress, der Versuch wäre doch nicht schlecht, wenn man an die schlechten Zahlen des Deutschen Hochsee Segelns denkt? Siehe beispielsweise:
http://segelreporter.com/blog/2013/02/15/dsv-und-dbsv-buendeln-ihre-kraefte-fuer-den-segelsport/

Volker Andreae

GER-OO Mitglieder

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Yacht Forum